Nachruf Erhard Eppler

Wir trauern um Erhard Eppler, der am 19. Oktober in Schwäbisch-Hall im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Er kam durch Gustav Heinemann zur Politik, der als CDU-Innenminister 1958 vehement gegen Konrad Adenauers Kurs der konsequenten Integration der Bundesrepublik in das westliche Verteidigungsbündnis protestierte – mit dem Argument: „Wer Deutschland immer noch tiefer spalten will, kann es nicht besser machen als in Fortsetzung immer noch dieses Weges.“

Als Heinemann aus dieser Verzweiflung heraus eine neue Partei gründete, die „Gesamtdeutsche Volkspartei“, gehörte Erhard Eppler von Anfang an dazu. In dem mit großer Leidenschaft geführten Wahlkampf 1953 erlitt er einen schweren Motorradunfall. Nach dem enttäuschenden Ausgang der Wahl ging mit Heinemann auch Erhard Eppler zur SPD und wurde in der Großen Koalition Minister für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Unter Helmut Schmidt aber kam es dann nach kurzer Zeit zum Bruch, weil die Vorstellungen einer humanen Entwicklungspolitik unvereinbar waren. 

Erhard Eppler hat nie einen Zweifel darüber gelassen, dass für ihn politische Entscheidungen unmittelbar mit dem Glauben zusammenhingen. Von Herbert Wehner wurde er deshalb als „Pietcong“ karikiert, doch das traf voll daneben: Er hat nie aus irgendeinem Hinterhalt heraus gekämpft, sondern immer mit ganz offenem Visier. Das freilich machte ihn auch sehr verletzlich; die ihn kannten, wissen das. 

Im September 1980, ein Jahr vor der ersten großen Friedensdemonstration in Bonn, hatten wir ihn in Siegen zu Gast; im Martini-Gemeindehaus diskutierte er mit uns ratlosen Basisgruppen-Leuten; und wir fragten ihn: Muss es jetzt – gegen diese wahnsinnige atomare Aufrüstung – nicht endlich auch eine ebenso massive Protestbewegung geben wie die Anti-AKW-Bewegung und die der Ostermärsche? Und er antwortete uns einfach: Ja, das wäre doch mal was ganz Neues! 
Ein Jahr danach hörten wir ihn dann gemeinsam mit den Hunderttausenden im Bonner Hofgarten: „Wir müssen die Kette des Hasses zerbrechen,“ sagte er, „und wir WERDEN sie zerbrechen!“ Da war seine Stimme nicht mehr zu überhören.

So war er für uns nicht nur der unbeirrbare Ermahner, sondern er war es, der uns in solcher Verzweiflung Mut machte, jetzt ja nicht aufzugeben. Und so wird er uns gegenwärtig bleiben. In seinem letzten Brief noch in diesem Jahr schreibt er uns, dass er unterwegs war, um in der SPD einen stabilen „Gesprächskreis Frieden“ zu gründen; „…in der Zeit, die mir noch bleibt,“ so schließt er im Blick auf seine Urenkel, „will ich noch versuchen, ihnen eine Chance zu öffnen, in einer Welt, die – was Verantwortung angeht – so weit heruntergekommen ist!“

Prof. Dr. Ingo Baldermann